Das Leid mit dem Leiden
- Alex Liesen
- vor 1 Tag
- 2 Min. Lesezeit
Wir leben schon in einer komischen Zeit.
Das Internet und Social Media sagen mir wie toll mein Leben denn sein könnte wenn ich denn noch das und dies tun, kaufen oder mitmachen würde. Es scheint als wären fast alle glücklich, reich und top in Form.
Man vergisst manchmal dass diese ganze mediale Welt einmal etwas anderes war. Damals saßen die Menschen am Feuer und erzählten Geschichten. Der eigene Geist formte daraus Bilder. Der Geist ging auf Reise. Heute wird alles bereits fertig serviert und man hält es irgendwann für die Wahrheit.
Ich sehe den Großteil der Gesellschaft leiden. Der eine mehr, der andere weniger. Man versucht immer mehr Geld zu bekommen obwohl man weiß, dass dies keine Lösung auf Dauer ist. Man vergleicht sich mit den Bildern aus dem Netz. Junge Leute oder jung gebliebene Menschen sehen blendend aus und haben alles erreicht. Wirklich?
In Wahrheit spielen viel zu viele Menschen jeden Tag ein Theaterstück. Maske auf, Bühne frei und dann fallen sie leer und ausgelaugt in ihr eigentliches Ich zurück. Hauptsache alle glauben die Illusion. Vor allem sie selbst. Und der Nachbar.
Wir vergessen, dass alles nur geliehen ist. Die Zeit, die Gesundheit, der Körper. Wir denken wir hätten ewig Zeit. Wir schieben unsere Träume und auch das Leben, das wir eigentlich leben wollen immer weiter auf die lange Bank. Aber diese Bank endet irgendwann. Es kann morgen vorbei sein oder zumindest enden. Eine Diagnose, ein Unfall, ein Trauma. Zack und das Theater wird still.
Und mit Stille können nicht viele Menschen gut umgehen. Die Masken fallen und man sucht dann im Smalltalk vergeblich nach Tiefe.
Wozu bist du hier? Was wirst du hinterlassen wenn deine Fylgja kommt um dich an einen anderen Ort zu bringen?
Leid hat oft keine Konsequenz. Wenige verstehen den Dialog dabei. Wir machen eben immer so weiter. Wir jammern, wir klagen an aber wir ändern nichts. Können wir ja nicht. Wir müssten ja bei uns anfangen. Wir müssten hinsehen. Wir müssten akzeptieren, verändern oder verlassen. Besser andere haben Schuld. Als Opfer läuft es für viele Menschen einfach besser. Sie warten auf Veränderung und wären schon lange dran.
Gesundheit wird an Leistungsfähigkeit gemessen. Oder an Arbeitsfähigkeit. Der Mensch dahinter wird zwar immer gläserner aber verschwindet eben auch immer mehr. Im Hintergrund neben all dem Profit, Leitlinien und Abrechnungspauschalen kann man ihn noch schemenhaft erkennen. Aber auch das ist nicht das Problem.
Wir haben verlernt zu leben. Wir funktionieren. Kleine Dinge sehen wir gar nicht mehr. Freude braucht schon einen guten Auslöser. Wir sehen oft nur noch den Mangel. Das, was wir nicht haben. Den Vergleich mit anderen und das macht uns fertig. Langsam.
Es ist nicht einfach aus diesem Loch wieder herauszukommen. Es erfordert Mut, Entschlossenheit und Vertrauen in den Weg.
Wir alle kennen Techniken, Methoden und Wege. Wir wissen eigentlich genau was wir tun müssten. Und genau das ist das Leid mit dem Leiden.




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